Ausgabe: Juni 1999
Organisationen, Initiativen und Dienste im sozialen Bereich ein
Motor der Sozialpolitik in Europa
In der letzten Ausgabe des newsletter wurde (im Englischen Teil) auf
die Konferenz unter dem vorgenannten Titel, die im Rahmen der deutschen
Ratspräsidentschaft durchgeführt wurde, hingewiesen. In Aachen trafen sich vom 19. bis
21. Mai 1999 zwei- bis dreihundert Experten aus dem Bereich jener Organisationen,
Initiativen und Dienste. Anwesend waren sowohl Repräsentanten aus dem Bereich der
Wissenschaft als auch aus Politik und Praxis, zahlreich darunter jene, die durch ihre
praktische soziale Arbeit im Bereich der sog. Freien Träger eine besondere Kompetenz
besitzen. Obwohl insgesamt durchaus von einem internationalen Treffen gesprochen werden
kann, war leider bei der Vorbereitung die Gefahr einer Deutschlastigkeit entweder wohl
unterschätzt worden oder aber es wurde bewusst darauf abgezielt, die weitere Perspektive
eher aus deutscher Sicht zu beleuchten.
Das Treffen war auch insofern von besonderer Bedeutung, als sich gerade
zuvor am 6./7.5. Vertreter aus der Praxis, d.h. aus den Verbänden auf Einladung
der DG V in Brüssel getroffen hatten. Gegenstand des dortigen Treffens waren die
Möglichkeiten, die Neuerungen des Vertrages von Amsterdam nunmehr für eine auf
Gemeinschaftsmaßnahmen gegründeten Strategie gegen soziale Ausgrenzung zu nutzen
das dortige Motto lautete Europa für jedermann (s. http://europa.eu.int/comm/dg05/soc-prot/soc-incl/news/socinclusion_en.htm)
Auffällig waren insbesondere zwei Momente, die wohl auch insofern eine
bedeutsame Richtungsbestimmung darstellen, als eine augenfällige Übereinstimmung
zwischen den meisten der Anwesenden bestand, d.h. gleichsam eine Art Bündnis zwischen
Praktikern aus Politik und sozialer Praxis sowie Wissenschaftlern.
In dem Eröffnungsgruß des Sozialkommissars Padraig Flynn wurde
als besonders hervorhebenswert betont, dass die Nichtregierungsorganisationen selbst ein
großes ökonomisches Potential darstellen. Fernerhin wies er auf die Dienstleistungen und
hier eben besonders die Sozialdienste als besondere Quelle für zukünftiges für
Beschäftigungswachstum hin. Hier wurde dann auch eine ausdrückliche Verbindung zur
Europäischen Beschäftigungsstrategie (Luxemburger Prozess) (link
Beschäftigungspolitik 3 Saeulen) hergestellt. Dabei hob Flynn hervor, dass die
Arbeit der NROs gerade auch insofern von besonderer Bedeutung sei, da sie im Trend der
Abkehr von passiven und der Zuwendung zu aktiven Maßnahmen liege die Kritik an
einer solchen Terminologie, wie sie beispielsweise von EAPN immer wieder geübt0 wird ,
hat der Kommissar freilich nicht erwähnt oder in irgendeiner Form als Problemdimension
thematisiert.
Neben und mit der Orientierung auf eine forcierte Ver-Dienstleistung
(service-Orientierung) sowie der Stärkung der Arbeitsmarktorientierung wurde wiederum ein
ziviler Dialog betont und neben den sozialen Dialog gestellt. Damit ergibt sich freilich
ein mysteriöses Geflecht von Politikbeziehungen der zivile Dialog wird einerseits
gleichsam ökonomisiert, bleibt aber andererseits neben den sozialen Dialog
gestellt, d.h. hier erhalten die NROs, die nunmehr Dienstleistungsanbieter
i.e.S. werden sollen, keine Rolle als Sozialpartner.
Freilich muss darauf hingewiesen werden, dass auch in Aachen
Gegenstimmen zu hören waren, die sich nicht nur gegen eine weitere Ökonomisierung
richteten, sondern deren Rücknahme forderten und ferner auch eine Umgestaltung des
Sozialsystems und der sozialen (Ver-)Sicherungssysteme forderten, die den Namen wirklich
verdient und nicht Einschnitte als Reform verkaufen will. Von Übereinstimmung zu reden
bezieht sich vielfach auch darauf, dass formal gleiche Konzepte mit unterschiedlichen
inhaltlichem Verständnis transportiert werden.
Ein zweiter grundlegender Gesichtspunkt, der im Rückblick auf die
Aachener Konferenz zu betonen ist, kann zynisch formuliert unter dem Titel
Nabelschau gefasst werden. Wie gesagt, wurde das Treffen gerade auch durch die Anwesenheit
der Vertreter der NROs selbst geprägt und hatte damit keineswegs den Charakter einer
reinen wissenschaftlichen Konferenz, die sich gleichsam intern mit der Rolle und Stellung
dieser Organisationen, Initiativen und Dienste befassen sollte. Umso mehr muss es
verwundern, dass kaum ein Wort zu hören war, über (geschweige denn von) jenen, die als
Klienten, Kunden oder Selbst-Helfende bezeichnet werden. Ehrenamtliche spielten höchstens
in jenem Sinn eine Rolle, dass z.B. die Rolle ihrer materiellen Sicherung (z.B.
Versicherung bei der sozialen Tätigkeit) thematisiert wurde. Es geht mir hier nicht
darum, eine fehlende Partizipation der Betroffenen zu beklagen, sondern darum, dass die
betreffenden Einheiten selbst sich offenbar nicht primär über die Bedürfnisse dieser
Menschen definieren, sondern über ihre eigene Stellung in einem System von Erbringern
unterschiedlicher Dienste. Freilich spricht nichts dagegen, einmal die eigene
Position in einem solchen Geflecht zu bestimmen und vor allem auch, die eigenen Interessen
gegenüber oder mit den Vertretern der politischen Seite auszuhandeln. Weil und insoweit
es sich um ein Geflecht handelt, sollten jedoch gerade jene Interessen in den Mittelpunkt
gerückt werden, in deren Namen man sich engagiert.
Ein Motor der Sozialpolitik in Europa diese
Sentenz war im Titel der Konferenz zu lesen. Die NROs sollten Obacht geben, dass sie in
dieser Funktion als Antrieb sich nicht in ein Vehikel einbauen lassen, welches in eine
falsche Richtung fährt.
Eine Dokumentation ist für einen späteren Zeitpunkt angekündigt und
wird hier im newsletter angezeigt werden (s.a. http://europa.eu.int/comm/dg05/soc-prot/civilsoc/news/aachen_en.htm)
Im nächsten update unseres newsletters wird bereits vorab der Konferenzbeitrag von Bernd
Schulte veröffentlicht werden, der sich mit den Konsequenzen befasst, die sich in
rechtlicher Hinsicht für die Wohlfahrtsverbände, NGOs etc. im Zusammenhang mit der
Realisierung des Binnenmarktes ergeben.
Unverdient: Frauen in der EU verdienen im Durchschnitt ein Viertel
weniger als Männer
Frauen in der EU verdienen im Durchschnitt ein Viertel weniger als
Männer - so das Fazit einer von Eurostat, dem Statistischen Amt der Europäischen
Gemeinschaften in Luxemburg, durchgeführten EU-weiten Erhebung, die soeben unter dem
Titel Eurostat Statistik kurzgefaßt, Bevölkerung und soziale Bedingungen, Nr. 6/99
erschienen ist.
Die Berechnungen der jüngsten auf harmonisierter Basis verfügbaren
Daten basieren auf der Grundeinheit der Vollzeitbeschäftigten in allen
Wirtschaftsbereichen, ausgenommen Landwirtschaft, Bildung, Gesundheit, persönliche
Dienstleistungen und Verwaltung.
Dieser Durchschnittswert spiegelt strukturelle Unterschiede bei den
Merkmalen von arbeitenden Frauen und Männern, wie beispielsweise Alter, Bildung und die
Art der Beschäftigung wider. So bekleiden z.B. weniger Frauen als Männer gut bezahlte
Führungspositionen. Das Ungleichgewicht im Anteil von Frauen und Männern in bestimmten
Wirtschaftssektoren und Berufen ist einer der bestimmenden Faktoren für den Unterschied
in der Bezahlung beider Geschlechter. Bei dem Versuch, den Durchschnittsverdienst von
Frauen mit strukturellen Faktoren der männlichen Beschäftigten zu kombinieren, reduziert
sich zwar der Unterschied in der Bezahlung, aber es bleibt eine Differenz von etwa 15%.
Wichtigste Unterschiede: Alter, Ausbildung, Taetigkeitsfelder
Laut Eurostat sollten die Gesamtdurchschnittswerte der Einkommen mit
Vorsicht interpretiert werden. Berücksichtigt werden müssen auch Unterschiede in der
Beschäftigungsstruktur von Männern und Frauen auf dem Arbeitsmarkt der EU, und hier
insbesondere die Konzentration von Frauen auf bestimmte Tätigkeitsarten.
Erstens üben Männer und Frauen nicht die gleichen Tätigkeiten aus.
Von der in der Erhebung erfassten Personengruppe war ein Drittel der
vollzeitbeschäftigten Frauen als Bürokräfte tätig, während es bei den Männern nur
10% waren. Dagegen waren 47% der Männer Arbeiter oder Anlagenbediener, während lediglich
18% der Frauen eine solche Tätigkeit ausübten.
Arbeiter werden im Durchschnitt besser bezahlt als Bürokräfte.
Zweitens sind berufstätige Frauen im Durchschnitt jünger:
44% sind unter 30 Jahre alt, gegenüber 32% bei den Männern. Dies ist
darauf zurückzuführen, dass in den älteren Generationen weniger Frauen berufstätig
sind und dass viele Frauen zur Kindererziehung aus dem Berufsleben ausscheiden. Die Folge
ist, laut Eurostat dass Frauen im Durchschnitt eine kürzere Betriebszugehörigkeit haben
und ihre Möglichkeiten, in Führungspositionen aufzusteigen, geringer sind, was sich
wiederum auf ihre Gehälter auswirkt.
Drittens besteht ein Bildungsunterschied: Von den berufstätigen Frauen
verfügen 51% lediglich ueber einen Primar- oder Sekundarschulabschluß, gegenüber 43%
der Männer. Andererseits haben 36% der Männer einen Sekundarabschluss mit
Fachausbildung, während es bei den Frauen nur 29% sind.
Aber auch wenn man die Verdienstunterschiede von Personengruppen
betrachtet, die die gleichen statistischen Merkmale aufweisen, so stellt man fest, dass
Frauen systematisch schlechter bezahlt werden. Zum Beispiel ist bei den
"Führungskräften" laut Bericht die ungleiche Bezahlung in 10 der 15
Mitgliedstaaten besonders stark ausgeprägt. "An der Unternehmensspitze, wo die
Einkommen extrem hoch sein können, finden sich nur sehr wenige Frauen."
Der Bericht stellt auch andere Unterschiede heraus, zum Beispiel die
Bezahlung von Überstunden hauptsächlich für Arbeiter meist Männer
während das Verkaufspersonal im Einzelhandel mit seinem niedrigen Einkommensniveau
hauptsächlich aus Frauen besteht.
Wie die Mütter, so die Töchter?
Selbst in der Altersgruppe der 25-29jährigen erreichen Frauen nur 86%
der Verdienste der Männer. Grundsätzlich, so Eurostat, hatten die Frauen dieser
Altersgruppe die gleichen Bildungs- und Berufschancen.
"Damit wird deutlich, dass es selbst bei der jüngeren Generation
Unterschiede im Hinblick auf den Zugang zu gut bezahlten Arbeitsplätzen gibt. Hinzu
kommt, dass junge Frauen ihre Berufstätigkeit später möglicherweise für längere Zeit
unterbrechen, so dass die Einkommensunterschiede zunehmen und denen ähneln dürften, von
denen ihre Mütter derzeit betroffen sind."
Geschlechtsspezifische Einkommensunterschiede in den neuen
Bundesländern, in Dänemark und Schweden am geringsten
Bei den Bruttostundenlöhnen sind die Unterschiede am geringsten in den
neuen deutschen Bundesländern einschließlich Ostberlin, wo die Verdienste der Frauen
89,9% der Verdienste der Männer erreichen (gegenüber 76,9% in den alten Bundesländern).
Es folgen in geringem Abstand Dänemark (88,1%), Schweden (87,0%), Luxemburg (83,9%) und
Belgien (83,2%).
Am andern Ende der Skala befinden sich die Frauen in Griechenland
(68,0%), in den Niederlanden (70,6%) und in Portugal (71,7%). Der EU-Durchschnitt liegt
bei 76,3%.
Bruttostundenlöhne der Frauen in % der Löhne der Männer
Die Daten beziehen sich auf 1995, ausgenommen Frankreich (1994) und
Österreich (1996). Da davon ausgegangen werden kann dass sich die in dieser Erhebung
dargelegten strukturellen Unterschiede nur sehr langsam ändern, vermutet Eurostat, dass
die Ergebnisse auch die heutige Situation widerspiegeln.
Vollzeitverdienste ohne Prämien
Belgien: 83,2%
Dänemark: 88,1%
Deutschland, alte Bundesländer: 76,9%
Deutschland, neue Bundesländer einschl. Ostberlin: 89,9%
Griechenland, nur Industrie: 68,0%
Spanien: 74,0%
Frankreich: 76,6%
Irland: 73,4%
Italien: 76,5%
Luxemburg: 83,9%
Niederlande: 70,6%
Österreich: 73,6%
Portugal: 71,7%
Finnland: 81,6%
Schweden: 87,0%
Ver. Königreich: 73,7%
Weitere Informationen im Bericht: Die Erhebung über die
Verdienststruktur, zusammengefasst in Eurostat Statistik kurzgefaßt, Bevölkerung und
soziale Bedingungen, Nr. 6/99, "Frauen in der EU verdienen 28% weniger als die
Männer"
oder bei
Eurostat. Marie-Paule BENASSI. Joseph-Bech-Gebaeude. L-2920 Luxemburg.
Tel: +352-4301-32 297. Fax: +352-4301-34 415. EMail: mariepaule.benassi@eurostat.cec.be
© Europäische Kommission. Vertretung für die Bundesrepublik
Deutschland. Pressestelle
Stiftung Soziale Qualität in Europa
Soziale Qualität kann als eine Art roter Faden angesehen werden, der
sich auch durch Fragen der Sozialarbeit zieht, so sie mehr sein will als nur ein
Anhängsel einer Beschäftigungsstrategie im Rahmen der Binnenmarktorientierung Ich
möchte die Aufmerksamkeit nochmals auf die Amsterdamer Erklärung zur Sozialen Qualität
richten. Die Erklärung wurde bereits im Rahmen dieses Mitteilungsblattes veröffentlicht
und ist zugänglich unter
http://www.sozialarbeit.de/europa/newslett/a-c-p/acpd02.htm
Bei Interesse hinsichtlich der Arbeit der Stiftung
Soziale Qualität können weitere Informationen gerne angefragt werden.
Kontakt: European Foundation on Social Quality. c/o SISWO. Plantage Muidergracht 4.
1018 TV. Amsterdam. Niederlande. +3120.5270600. Telecopie: +3120.6229430. e-mail: koning@siswo.uva.nl
Europa Leben
Die neue Bundesregierung in Deutschland hat in einer Broschüre gut
sechzig Seiten ihre Europapolitischen Gedanken vor: Europa Leben ist das Motto
unter dem eine Strategie Für ein soziales und wirtschaftlich starkes Europa (so
der Untertitel) anvisiert wird. Ob und wie weit damit bewusst ein Anspruch impliziert ist,
der Europa als gemeinsame Tradition und als wirklich bestehende Einheit, die man bereits
leben kann, sei dahingestellt zumindest haben wir verschiedentlich darauf
hingewiesen, dass es noch viele Hindernisse gibt, die überwunden werden müssen, um dann
wirklich Europa zu leben.
Auch wenn die bilderreiche Broschüre in engem Zusammenhang mit der
deutschen Ratspräsidentschaft steht, ist sie doch auch darüber hinaus von einigem
informativem Wert hinsichtlich der Position der Bundesregierung, der Veränderungen und
nicht zuletzt der Konstanten hinsichtlich der EU-Politik.
Kontakt: Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung. Referat
Oeffentlichkeitsarbeit. Postfach 500. FRG 53105 Bonn. Ph.: 0180.5151510 oder 0180.5656561.
Telecopie: 0180.5151511. e-mail: info@bma.bund.de
URL: http://www.bma.bund.de
(Erhältlich auch in Englisch und Französisch)
Beschäftigungs- als Sozialpolitik mehr als ein wenig
ergänzender Sozialklimbim
Buchbesprechung
Europäische Sozialpolitik ist unendlich oft wurde dies bereits
festgestellt im Zentrum Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik und die nunmehrige
Verankerung des Beschäftigungskapitels im Amsterdamer Vertragswerk sowie der jüngst
beschlossene Beschäftigungspakt bedeutet wenn es auch sicherlich ein zu
begrüßenswerter Schritt war sicherlich auch eine Festschreibung dieser
tendenziellen Gleichsetzung. Einerseits ist eine solche verengte Sichtweise problematisch,
andererseits aber wird umgekehrt vielfach von Seiten der sozialen Professionen der Blick
vor der großen sozialen Bedeutung eben des Ökonomischen als Sozialer Lebensweise
verschlossen. In Fakt: Ökonomie hat für die Lebensweise nicht nur eine
Versorgungsfunktion, sondern stellt zu einem guten Teil selbst eines der zentralen
Elemente der Gesamtlebenslage dar, ist selbst wesentlich Lebensweise. Dies gilt
hinsichtlich der negativen Bestimmung, d.h. mit Blick auf mögliche
repressive, entfremdende Aspekte und ebenso mit Blick auf die positiven
Aspekte der Selbstentfaltungspotentiale, die nur mit und durch Arbeit als aktiver,
gesellschaftlich anerkannter Tätigkeit bzw. Teilhabe.
Wenn man fortwährend in der eher aktuellen Auseinandersetzung um
politische Strategie- und auch Taktikdiskussionen, in der Debatte und Ausgestaltung
einzelner Maßnahmen gefangen ist, so sollte man nicht vergessen, sich von Zeit zu Zeit
auch der grundsätzlichen Fragen zu entsinnen. Ein hier vorzustellendes Buch von Elsen
über die Gemeinwesenökonomie zeigt, dass dies keineswegs eine Aufgabe für theoretische
Reflektion unter Hinnahme des Verlustes von Praxisrelevanz sein muss. Dies gilt umso mehr,
wie gerade die Sozialarbeit eben an gleich zwei Nahtstellen zu verorten ist: Einerseits
geht es darum, die Lebensweise in einen konkreten Zusammenhang zu integrieren, der sowohl
ökonomische Aspekte als auch jene der allgemeinen Lebensführung, des Zusammenseins mit
anderen umfaßt. Zum Anderen sind gerade die Europäische Debatte zeigt dies immer
wieder von Neuem globale und lokale bzw. kleinräumige Strukturen miteinander
handlungsmäßig in einer homogenen Einheit zu verflechten.
Ein Ausgangspunkt der vorliegenden Schrift ist die Aussage, dass den
Schrecken der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft im Industriezeitalter (
) der
Schrecken nicht mehr notwendiger Ausbeutung (folgt). Erstmals in der Geschichte ist
lebendige Arbeitskraft für wirtschaftliches Wachstum nicht nur überflüssig sondern
hinderlich. Doch die Wirksamkeit der neoliberalen Ideologie macht es immer schwerer, der
Propaganda von den segensreichen Wirkungen wirtschaftlichen Wachstums etwas
entgegenzusetzen. Wirtschaftliches Wachstum bewirkt weder Beschäftigungs- noch
Wohlstandszuwachs. (24 f.) Nach der Entwicklung der Forderung einer
grundlegenden Neuorientierung folgt eine Annäherung an aktuelle und historische Formen
menschengerechter Ökonomie (54) so der Titel des zweiten Kapitels und
im dritten Kapitel die Begründung von Gemeinwesenökonomie (75). Kennzeichnend
für den hier gewählten Ansatz sind dabei Überlegungen vor allem einer
Partizipationsorientierung einerseits und einer Selbstbegrenzung i.S. einer
Nachhaltigkeitsorientierung. Mit Bezug auf Busch-Lüty wird hervorgehoben, dass
"Nachhaltigkeit" die physische Einheit von Produktion nd Reproduktion
unmittelbar als ein ökonomisches Prinzip zum Ausdruck bringt. (140) Damit steht
der Vorschlag auch unmittelbar in konzeptueller Annäherungsfähigkeit an offizielle
EU-Politik, die ja auch im Rahmen beispielsweise der URBAN-Programme (s.z.B. URBAN
Pilot Projects. Phase II, 1997-99. ProjectDescriptions. Ed.: European Commmission.
Luxembourg: Office for official publications of the European Communities, 1998. s.a. http://www.inforegio.org/urban/upp), der
AGENDA 21-Aktivitäten und allgemein der ESF-Maßnahmen auf eben Nachhaltigkeit zu
orientieren versucht (s.i.d. Zus.a. http://www.hnh-presse.de/urban; http://www.hnh-presse.de/urban und http://europa.eu.int/comm/urban/). Aber es
wird auch deutlich, dass sich Orientierungen für eine politische Kultur des
Gemeinwesens (143) ergeben, die solange zweifelhaft bleiben müssen, wie sie in
einem weiteren Rahmen verharren, der systematisch eben die Grundsätze einer solchen
Nachhaltigkeit verletzt. Ich denk hier an die Politik, wie sie im sog. Delors-Weissbuch
zum Ausdruck kommt, in dem zwar ebenfalls eine Nachhaltigkeit gefordert wird, aber
zugleich auch die transeuropäischen Netze propagiert werden (cf. White Paper on
growth, competitiveness, and employment. The challenges and ways forward into the 21st
century. COM (93) 700 final. Brussels, 5 December 1993. http://europa.eu.int/en/record/white/c93700/contents.html).
In der Tat, ist es wohl extrem schwer, dass klein ist schön
durchzusetzen, wenn man sich erst einmal an das Große gewöhnt hat. Es geht in diesem
Sinn m.a.W. wohl eher um einen Balanceakt und nicht so sehr um die Gegenüberstellung
zweier sich ausschließender Konzepte. Allerdings stellt sich dann die Frage, wer denn die
Maßstäbe für eine solche Balance setzen kann eine Antwort bleibt die Autorin
hier schuldig, was man ihr freilich nicht zum Vorwurf machen kann, ist doch die Suche
hiernach eine komplexe Antwort, die im politischen Bereich jenseits des Konzeptes selbst
zu liegen scheint. Dies freilich macht einen solchen Ansatz auch zweifelhaft, denn er
verbleibt so gesamtwirtschaftlich in einer Art Zwitterstellung, die allerdings äußerst
interessant und facettenreich ist, wenngleich dieser Aspekt bisher sozialpolitische kaum
berücksichtigt zu werden scheint (cf. Peter Herrmann/Svetlana Sidorenko-Stephenson:
New Citizenship by new ways of economic integration): Politik für Benachteiligte
privilegiert diese in dem Maß, in dem ihnen ermöglicht wird, eine alternative
Lebensweise zu entwickeln und benachteiligt jene, die fest in das bestehende System
integriert sind (oder zu sein scheinen) für die einen wird über Sonderprogramme
etwas erreicht, was den anderen ermöglicht (oder aufzwingt) weiter einen selbst- und
gesellschaftszerstörenden Kurs zu verfolgen. Von hieraus kehrt sich dann auch die
Kostenfrage hinsichtlich der Sozialpolitik in merkwürdiger Weise um: Im Grunde leben
nicht die, die Unterstützung empfangen, auf Kosten derjenigen, die im Primärsystem sich
befinden; vielmehr ist es umgekehrt, dass das Primärsystem auf Kosten derjenigen lebt,
die ihre Ansprüche den vorhandenen Ressourcen unterordnen. Freilich sollte eines nicht
vergessen werden: die Argumentation um eine solche Gemeinwesenökonomie unterliegt zu
leicht auch der Gefahr des Schönredens von Armut und Bescheidenheit, zumal
das Verhältnis von allgemeiner und verbindlicher sozialer Sicherung und
Selbstverpflichtender Hilfe keineswegs befriedigend geklärt ist (s.a.
Elsen, Zum Verständnis gemeinwesenorientierter Ökonomie Das Beispiel der
Genossenschaft am Beutelweg im Stadtteil Trier-Nord; in: Jung/Schäfer/Seibel [Hrsg.]:
Economie Sociale; Frankfurt/M.: IKO-Verlag für Internationale Kommunikation, 1997: 204
ff.; hier: 212 vs. 230)
Auch wenn das vorliegende Buch für eine universelle Antwort sicherlich
keine schlüssige Antwort geben kann, bietet es doch für die Diskussion gerade auch der
Entwicklung einer Sozialökologie einen wertvollen Beitrag. Dies gilt nicht zuletzt auch
deshalb, weil mit der Bezugnahme auf konkrete Projekte einer Lokalen
Wohlfahrtsstaatlichkeit (das Beispiel Duisburg-Marxloh, lokale
Beschäftigungsinitiativen, Genossenschaftliche Gemeinwesenunternehmen u.ä.) und die
Vorstellung eines berufsbegleitenden Fortbildungsprogramms "Solidarische
Ökonomie" praxisnahe Anregungen nicht zu kurz kommen. Dabei geht es nicht
zuletzt und dies verleiht den Ausführungen ein besonderes Interesse aber zugleich
eine besondere Angreifbarkeit auch um die Behandlung von Gemeinwesenökonomie als
sozialpädagogischem Konzept.
Elsen, Susanne: Gemeinwesenökonomie eine Antwort auf
Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung? Soziale Arbeit, Gemeinwesenarbeit und
Gemeinwesenökonomie im Zeitalter der Globalisierung. Neuwied/Kriftel: Luchterhand Verlag,
1998. ISBN 3-472-03270-7. DM 34.00/SFR 34.00/OES 254.00
s. im Zusammenhang mit dem letztgenannten
Aspekt auch: Herrmann, Peter (Ed.): Challenges For A Global Welfare System. (European
Social Organisational Science Consultancy). Commack, New York: Nova Science Publishers,
Inc., 1999. 205 pages. ISBN 1-56072-632-6. $59. S. http://www.nexusworld.com/nova; e-mail: Novascience@earthlink.net
Unerwünscht
Über fundamental Rechte zu räsonieren ist eine Sache (s. Die
Grundrechte in der Europäischen Union verbürgen. Bericht der Expertengruppe
Grundrechte. Hrsg.: Europäische Kommission. DG V. Luxemburg: Amt für
amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften, 1999. http://europa.eu.int/comm/dg05/fundamri/index_en.htm);
eine andere Sache sind Stammtischgespräche; und eine dritte (sowie vierte) Sache ist
wirkliche Einsicht in die Situation jener Menschen, deren Grundrechte hier und heute mit
Füßen getreten werden. Dies sind nicht nur aber doch eben auch MigrantInnen vor allem
aus den sog. Drittstaaten.
Eine wirksame Aktionsform ist von SOS Rassismus entwickelt. Unter dem
Titel Jeder soll sich mal "unerwünscht" fühlen wird in einer speziellen
Ausstellung den Menschen gegeben, sich in die Haut jener zu versetzen, die mit typischen
Schwierigkeiten von MigrantInnen konfrontiert sind. Die Ausstellungsbesucher haben die
Gelegenheit, in einem Rollenspiel genau jene Diskriminierung, jene Attacken und jenes
Unverständnis zu erfahren, dass für sie freilich nur im Rahmen eines vorübergehenden
Spieles zutage tritt. Für jene, die eine solche Situation faktisch leben, ist freilich
kein Trost darin zu sehen, dass ja bald alles vorüber sei: Unerwünscht tritt für sie im
Gleichschritt mit unentrinnbar auf.
siehe auch:
http://www.unerwuenscht.de
Arm dran
Vielleicht wird es ja etwas: Die Fraktionen von SPD und Grünen fordern
von der Bundesregierung einen jährlichen Armutsbericht, der nicht nur über Quantität
der Armut im Lande berichtet, sondern auch die Lebenslagen beleuchtet sowie Einblick in
die Ursachen bietet. Derweil dies aber noch Zukunfstmusik ist, ist folgende Schrift von
Bedeutung: Beate Hock/Gerda Holz: Arm dran (?)! Lebenslagen und Lebenschancen von
Kindern und Jugendlichen . Zu Armut und Benachteiligung inDeutschland. Auszuewge aus dem
1. Zwischenbericht der dreijaehrigen AWO-ISS-Untersuchung.
Kontakt: Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Am Stockborn 5 7. FRG
60439 Frankfurt/M. Ph.: +49.(0)69.95789.0 Telecopie: +49.(0)69.95789.190
Migration - Materialien vom Paritätischen zum Thema
Auch wenn es sich teils m schon ältere Dokumente handelt, so sind sie
doch nach wie vor und vielleicht mehr denn je der Aufmerksamkeit zu empfehlen:
* Integration konkret. Flüchtlingsprojekte im Paritätischen
* Zur Sozialen und gesellschaftlichen Integration von
Arbeitsmigrantinnen. Modellprojekte im Paritätischen gefördert durch das
Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung
* Lebenssituation und perspektiven von Zuwanderern und ihren
Kindern. Projekte im Paritätischen gefördert durch die Kommission der Europäischen
Union
* Migrationssozialarbeit
Positionen zu Fragen der Migrationspolitik.
Contact: Deutscher Paritaetischer wohlfahrtsverband. Gesamtverband
e.v.. Heinrich Hoffmann-Strasse 3. FRG 60528 Frankfurt/M. URL: http://www.paritaet.org
Die Maastrichter Erklärung 23 bestimmt den Eingang der neuen website
des ETWelfare, mit der nun indirekt auch die Europäische Vertretung der
Bundesarbeitsgemeinschaft auf dem Netz vertreten ist. Berichtet wird in erfreulich
ausführlicher und offener Weise über vergangene, gegenwärtige und geplante Projekte der
Vereinigung.
Kontakt neben der webiste: ETWelfare. Rue de Pascale 4-6. B-1040 Brussels
Belgium. Tel. +32 2 230.45.00. Fax. +32 2 230.57.04. euvertretung@pophost.eunet.be
© Eurofocus. News Items of General Interests, Edited by the European Commission. Weekly No. 19/99. 31 May - 7 June 1999
© unless explicitly stated otherwise: Peter Herrmann, ESOSC
© soweit nicht einzelne Beiträge explizit andere Nachweise enthalten: Peter Herrmann,
ESOSC
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